Stress am Arbeitsplatz

Bis nichts mehr geht

Der Berufsalltag wird für viele Deutsche immer mehr zu einer Hetzjagd. Laut dem "Stressreport 2012" nehmen Dauerbelastungen, psychischer Stress und Druck im Job stark zu.  Politik und der Deutsche Gewerkschaftsbund wollen mit einer Anti-Stress-Verordnung gegensteuern. Doch die Arbeitgeber blockieren.

Jeder zweite Beschäftigte leidet häufig unter starkem Termin- und Leistungsdruck. Das geht aus dem  aktuellen "Stressreport 2012" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervor. Besonders das Multitasking, also das Erledigen mehrerer Aufgaben gleichzeitig, macht 58 Prozent der rund 20.000 Befragten zu schaffen. Aber auch Monotonie und Isolation im Job - etwa bei Band- und Lagerarbeitern - ist ein großer Stressfaktor. Jeder Vierte lässt zudem häufig mal die Pause ausfallen. Dies tun besonders häufig diejenigen, die mehr als 48 Wochenstunden arbeiten. 

Der DGB und seine  Mitgliedsgewerkschaften wollen gegensteuern.  Aber die geplante Unterzeichnung einer gemeinsamen „Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit“ von Bundesarbeitsministerium, Arbeitgeberverbänden und DGB ist an der Blockade der Arbeitgeber gescheitert.

„Leistungsverdichtung und Stress am Arbeitsplatz haben mittlerweile jede Berufsgruppe erreicht – von den Büroangestellten bis zu den Schichtarbeitern“, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE. Die Ergebnisse des Stressreports und auch die aktuelle Umfrage des DGB-Index Gute Arbeit zeigten wie groß der Handlungsbedarf sei. „Die IG BCE fordert deshalb die Betriebsräte mit einem neuen Initiativrecht auszustatten, das ihnen ermöglicht, gute Arbeit in den Unternehmen zum Thema zu machen“, fordert Vassiliadis. „Für Arbeitsbedingungen, die auf die maximale Verwertung der Arbeitskraft ausgerichtet sind – vielfach ohne Rücksicht auf die natürlichen Grenzen der menschlichen Schaffenskraft, sollten im Betriebsverfassungsgesetz neue Instrumente geschaffen werden." 

Der Stressreport 2012 belegt, dass Arbeit in der Bevölkerung der Stressfaktor Nummer Eins ist. 43 Prozent der Berufstätigen klagen demnach über wachsenden Stress. Nach einer aktuellen Repräsentativumfrage des DGB-Index Gute Arbeit geben sogar 56 Prozent der Beschäftigten an, dass sie einer starken und sehr starken Arbeitshetze ausgesetzt seien. Und 63 Prozent der Beschäftigten haben den Eindruck, dass sie in den vergangenen Jahren immer mehr in der gleichen Zeit schaffen müsse, heißt es im Index.

In der chemischen Industrie etwa müssen 50 Prozent der Beschäftigten sehr häufig oder oft gehetzt, 60 Prozent seit Jahren immer intensiver arbeiten.

Und auch in der Freizeit haben Arbeitnehmer keine Ruhe vor dem Job. Smartphone und Laptop lassen sie ständig erreichbar sein – von 27 Prozent der Arbeitnehmer wird das laut Gute-Arbeit-Index sogar sehr häufig vom Arbeitgeber verlangt. Abschalten können viele da immer seltener. So fällt es 34 Prozent schwer, nach der Arbeit nicht an den Job zu denken – Beschäftigte mit langen Arbeitszeiten, Frauen und Ältere sind in besonderem Maße betroffen.

Die Kosten wegen psychischer Belastungen im Arbeitsleben sind mittlerweile auf 100 Milliarden Euro jährlich gestiegen. Bei den Erwerbsminderungsrenten lautet die Diagnose heute zu 40 Prozent „Psychische Erkrankung“.

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