Moderne Arbeitszeitmodelle

Arbeitszeit neu denken

Der Wunsch vieler Beschäftigter ist es, das starre Vollzeit-System flexibler zu gestalten. Die IG BCE kämpft für neue Arbeitszeitmodelle. Gute Beispiele gibt es genug.

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01.11.2016
  • Von: Axel Stefan Sonntag Sigrid Thomsen
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Im vergangenen Jahr fuhr sie entspannt mit dem VW-Bus nach Italien, in diesem renovierte sie ohne Druck das eigene Zuhause: Astrid Schleicher, Betriebsrätin bei Continental Automotive in Regensburg, nutzt für Auszeiten wie diese nicht ihren regulären Urlaub, sondern ein sogenanntes »Sabbatical«. Aus gutem Grund: »In so langen Pausen kann man erheblich besser den Akku aufladen.«

Was bislang nur in der Automotive GmbH per Betriebsvereinbarung möglich war, können seit diesem Monat rund 54 000 Conti-Beschäftigte in Deutschland nutzen. Die neue Betriebsvereinbarung, die grundsätzlich jedem das Recht auf eine unbezahlte Auszeit von bis zu zwölf Monaten gibt, macht es möglich. Ganz egal, ob man die Kinder hüten, Bücher schreiben oder verreisen möchte. Oder einfach nichts tun. »Das funktioniert wie ein verblocktes Teilzeitmodell«, erklärt Konzernbetriebsratsvorsitzender Frank Michael Hell: »Der Mitarbeiter reduziert für einen bestimmten Zeitraum sein Gehalt, arbeitet aber voll weiter. Was er auf diese Weise anspart, zahlt Continental dann anteilig während der Freizeitphase aus.« Wer bis zu drei Monate wegbleibt, kann auf seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren, bei längeren Auszeiten auf einen »gleichwertigen«.

»Der berechtigte Wunsch vieler Beschäftigter ist es, mehr Freiheit für das Leben außerhalb der Arbeit zu erhalten«, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE. »Die persönliche Lebensplanung darf sich nicht nur nach dem Arbeitgeber richten.« Vassiliadis weiß die Beschäftigten hinter sich. Das beweist auch der jüngst von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) veröffentlichte »Arbeitszeitreport Deutschland 2016«; für diesen wurden rund 20 000 Erwerbstätige interviewt. Die Wissenschaftler resümieren, »dass die Flexibilisierung von Arbeitszeiten eine der zentralen Herausforderungen für die Arbeitszeitgestaltung der Zukunft darstellt «. Dabei ist aber klar: Flexibilität ist keine Einbahnstraße. Sie bezieht sich ebenso »auf den Wunsch nach Arbeitszeitsouveränität der Beschäftigten durch Eröffnung von Einflussmöglichkeiten und Erweiterung von zeitlichen Handlungsmöglichkeiten «, so die BAuA.

Davon profitieren gleichermaßen die Arbeitgeber, denn: »Selbstbestimmte Flexibilität, wie zum Beispiel Autonomie bezüglich Beginn und Ende der Arbeitszeit, kann als Ressource genutzt werden und hat daher eher positive Effekte auf Gesundheit und Wohlbefinden «, heißt es. Die Behörde empfiehlt: »Vollzeitbeschäftigte Männer und Frauen wie auch teilzeitbeschäftigte Frauen sind, wenn sie selbst über ihr Zeitguthaben verfügen können, zufriedener mit ihrer Work-Life-Balance.« Für teilzeitbeschäftigte Männer treffe dieses Muster nicht durchgängig zu.

Flexibel ihr Zeitguthaben einteilen – das können die rund 12 000 Beschäftigten von Roche Diagnostics. Einer von ihnen ist Elektrotechniker Michael Orth. Er plante nach seinem 50. Geburtstag eine drei Monate lange Rundreise quer durch Deutschland. »Ich wollte diese Auszeit nutzen, um über mein Leben nachzudenken und unbekannte Orte zu sehen«, sagt er. Orth kombinierte einen Großteil seines Jahresurlaubs mit rund zwei Monaten Zeit, die auf seinem Langzeitkonto zur Verfügung standen.

Seit 2008 existiert eine Betriebsvereinbarung, die der Roche-Belegschaft die Möglichkeit gibt, über die tariflich vereinbarte 37,5-Stunden-Woche hinaus bis zu 40 Stunden zu arbeiten – und das Geld für diese Zeit in ein Langzeitkonto einzuzahlen. »Dieses Guthaben können Beschäftigte dann für Auszeiten, Pflege, Qualifizierung, zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben oder zur zusätzlichen Alterssicherung in Form des Chemie-Pensionsfonds nutzen«, erklärt Betriebsrätin Tanja Schön. Im vergangenen Jahr haben die Arbeitnehmervertreter die Vereinbarung nochmals verbessert. Jetzt ist es sogar möglich, die jeweilige Auszeit wochenweise oder als Teilzeit zu nehmen.

Fast totale Arbeitszeit-Freiheit genießt etwa ein Drittel der Beschäftigten von Merck. Die Gesamtbetriebsvereinbarung »Mywork@Merck« macht es möglich. »Jede Stelle ist nach einem objektiven Kriterienkatalog dahingehend beurteilt, ob ein flexibles Arbeiten möglich ist. Wenn im Ergebnis mindestens 20 Pro- ? zent der Zeit eigenständig gestaltbar ist und mindestens zehn Prozent der Zeit ortsflexibel gearbeitet werden kann, kann der Mitarbeiter selbst entscheiden, wo und wann er seinem Job nachgeht«, erklärt Betriebsrat Ahmet Canpolat. Natürlich seien betriebliche Erfordernisse wie etwa Abteilungsbesprechungen die Grenze. »Aber außerhalb können die betreffenden Mitarbeiter arbeiten, wann und wo sie wollen – ob zu Hause oder am Strand«. Fixiert ist, dass Vorgesetzte entsprechenden Anträgen der Mitarbeiter in der Regel zustimmen müssen. »Falls nicht, müssen sie das begründen«, so Canpolat, der zugleich Sprecher des Arbeitszeitausschusses ist. Im Zweifel landet so ein Fall auf seinem Tisch – er ist Mitglied in einer paritätisch besetzten Kommission, die dann vermittelt.

Viktoria Steinigk ist eine der Merck- Beschäftigten, die von der vor vier Jahren abgeschlossenen Betriebsvereinbarung profitieren. »Bei einem täglichen Pendelweg von zwei Stunden kommt mir das sehr entgegen«, sagt die Produktdatenmanagerin. »Ich kann mir meine Zeit so einteilen, dass ich Arzttermine und ehrenamtliche Verpflichtungen viel besser unter einen Hut bringe«, sagt die 35-Jährige, die derzeit an zwei von fünf Tagen von Zuhause aus arbeitet.

»Anfangs war ich ein großer Bedenkenträger «, blickt Betriebsrat Ahmet Canpolat zurück. Seine Befürchtung: »Dass bei manch einem die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt.« Dieses grundsätzlich vorhandene Risiko minimiert aber eine wichtige Bestimmung der Gesamtbetriebsvereinbarung: »Die Flexibilität gilt nur zwischen 6 und 19 Uhr. Wer mit dem Ausland zu tun hat, kann dieses Zeitfenster um drei Stunden verschieben. Mehr geht aber nicht, danach folgt die elfstündige Ruhezeit«, weist Canpolat auf die ihm wichtige Gesetzeslage hin. Für Schichtarbeiter und in der Produktion wichtige Kräfte kann die Merck- Vereinbarung naturgemäß nicht gelten. »Ein Pumpenschlosser muss vor Ort sein«, erläutert Canpolat. Doch in diesen Fällen greift immerhin ein flexibles Jahresarbeitszeitkonto.

Schichtarbeti muss längst nicht mehr starr geregelt sein. Kompakt berichtete bereits über Modelle wie etwa die beim Papierhersteller Schoeller (Ausgabe 9/2016) oder bei Bayer (Ausgabe 2/2014). Schon seit 2013 existiert beim Kunststoff-Hersteller Gerresheimer Regensburg die Möglichkeit, auf Bringschichten im Fünf-Schichtgruppen- Vollkontimodell zu verzichten. Eine entsprechende Betriebsvereinbarung wurde im Rahmen des »Demografie II«- Tarifabschlusses umgesetzt.

»Was vor allem zur Entlastung Älterer gedacht war, stößt inzwischen auch bei Jüngeren auf Interesse«, berichtet Betriebsrätin Lydia Armer. »Nicht mehr jeder will fünf Tage im regulären Schichtrhythmus arbeiten.« »Die Beschäftigten erwarten mehr Arbeitszeitsouveränität. Was möglich ist, zeigen viele Betriebsvereinbarungen «, kommentiert Peter Hausmann, Tarifvorstand der IG BCE. »Deshalb ist für uns klar, dass die Arbeitszeitpolitik ein tarifpolitisches Grundsatzthema werden wird«, fährt Hausmann fort. Es gelte, den Beschäftigten mehr Entscheidungsspielräume darüber zu geben, wie sie ihre Arbeitszeit eigenständig gestalten können. »Deshalb müssen wir Vollzeit neu definieren und Vollzeit-Korridore schaffen. Gleichzeitig braucht es neue Arbeitszeitmodelle, auch im Schichtbetrieb.« Dass es die IG BCE ernst meint, zeigen die begonnenen Verhandlungen zum Manteltarifvertrag Ost der ostdeutschen chemischen Industrie. Unter dem Slogan »Keine Zeit zu verschenken « erwartet die Gewerkschaft im Ergebnis eine Arbeitszeitverkürzung von 90 Minuten – und Spielraum für innovative Arbeitszeitmodelle.

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